18410718 01 Storm Alpennordseite

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Quick Facts

Type of Event Foehn storm
Verification State QC1
ESWD Not reported
Location Alps and north of Alps
Time / Duration Long-time event
Date 18.07.1841 in the morning
Magnitude / Dimension >130km/h
Damage / Impact -
Fatalities -
Injuries -
Report Source historical reports
Remarks Dimmerföhn, Sommerföhn


Ereignis

Am 18. Juli 1841 wurde nicht nur das ganze Alpengebiet von Wien bis Lyon, sondern auch ein grosser Teil der angrenzenden Länder Zentraleuropas von einem Föhnsturm verheert.
Da das Föhnphänomen gerade zu dieser Zeit im Sommer weit weniger häufig ist als zu anderen Zeiten des Jahres kann dieser Sturm von allen bisher beobachteten Typen als der am besten entwickelte Sommerföhn angesehen werden.

Er erschien am 17. Juli abends neun Uhr als reiner Südwind in Algier, am 18. Juli morgens drei Uhr in Marseille, um 8 Uhr vormittags als Südsüdwest bis Südwest bei Zürich, nachmittags drei Uhr als Südwest bis Westsüdwest in Leipzig und erlosch in Polen.
Mit einer Wärme von 28°C sengte er bei seinem Eintreffen in Zürich alle zarten Pflanzen, kühlte sich aber bis mittags auf 22°C und bis nachmittags drei Uhr auf 19°C ab.
Auf dem Bodensee wütete dieser Föhnsturm in der Art, dass ein von Lindau nach Konstanz fahrendes Dampfboot dem Untergang sehr nahe kam.
Am schwäbischen Ufer war die Brandung so furchtbar, dass in dem grossen Ort Langenargen die am Ufer sich hinziehenden Grundstücke unter die ausgeworfenen Geröllmassen begraben und die Obstbäume auf der dem See zugewandten Seite bis auf Brusthöhe vollständig entrindet wurden.
Zwei Klafter hohe Pallisaden, welche zum Schutz der Gärten am See hin angebracht waren, wurden herausgeworfen und wie Strohhalme fortgeschleudert.
Auf die Bedachung des nahe am See stehenden drei Stockwerk hohen Spitalgebäudes warfen sich die Wellen mit einer solchen Wucht, dass die auf der entgegengesetzten Seite stehende Wohnung des Pfarrers bespritzt wurde.
Durch die in den Ort eingedrungenen Wellen wurde die Hauptstrasse so ruiniert, dass eiligst mehrere tausend Reisigbündel herbeigeschafft und darüber geschüttet werden mussten, um sie zur Not wieder fahrbar zu machen.
Die diesem Föhnorkan vorausgegangene Nacht zeichnete sich durch ein fast ununterbrochenes heftiges Wetterleuchten aus.
Während so an diesem Tage der Föhn auf der ganzen Nordseite der Alpen wütete, herrschte auf der Südseite der Alpen Windstille.

Quelle: Dr. Berndt Gustav


Der Föhnorkan entwickelte sich erst des Morgens zwischen 8 bis 9 Uhr und mag seine stärkste Wirkung zwischen 10 bis 11Uhr erreicht haben.
Im Rheinthale wurden die stärksten Bäume entweder entwurzelt oder abgebrochen, viele Häuser der Dächer beraubt.
Bei den Rheinfährten Stricke zerrissen, woran die Schiffe befestigt waren, und die Schiffe wurden entweder auf Kiesbänke oder an entfernte Ufer geworfen.
Personen, die sich beim Eintreten eines Windstosses nicht an Häuser oder Bäume klammern konnten, wurden umgeworfen.

Von den Firsten der Appenzeller Alpen stürzte dieser Orkan in die verschiedenen Täler von Appenzell mit solcher Heftigkeit herab, dass strichweise die Bäume grosser Waldkomplexe entwurzelt oder abgebrochen wurden.
Eine Menge Häuser wurden mehr oder weniger demoliert.
Im Brülisauer Tobel wurde ein Schindeldach von einer Brettersäge abgerissen, 30-40 Fuss lang, 15-20 Fuss breit, (~12m lang, ~6m breit) und unversehrt in einer Entfernung von einigen hundert Fuss (~100m) abgelegt.
Zwischen Bühler und Gais warf der Wind eine schwere zweispännige Kutsche um, welche ausser dem Kutscher noch mit 4 Personen belastet gewesen ist.

In der Stadt St. Gallen wurden mehrere Schornsteine abgerissen. Es regnete zuweilen Dachziegel, die mit Fenster, Jalousien und Trockenstangen gemengt gewesen sind.
In der Umgebung von Mörschwyl sind eine Menge der stärksten und an Holz gesunde Obstbäume seiner Gewalt erlegen.

Das Wasser des Bodensee's wurde in eine solche Bewegung versetzt, gleich als wenn ein Vulkan seine Feuerwerkstätte unter dem Seebette aufgeschlagen hätte.
In Horn schlugen die Wassersäulen an die am Ufer stehenden Gebäude bis auf 12 bis 16 Fuss (~4m) Höhe an.
In Friedrichshafen trieb der Wind die Wasserwellen über den Hafendamm bis fast auf die halbe Entfernung zur Hauptstrasse hinauf.

Dieses orkanartige Auftreten des Föhnwindes erstreckte sich nicht allein auf die Schweiz, Tyrol und die angrenzenden nördlich liegenden Gegenden.
Es soll, wenn auch nicht in gleicher Stärke, über ganz Deutschland, ja soll noch in Dänemark beobachtet worden sein.

Quelle: J.C. Deicke


Allein der gewöhnliche Föhn reicht schwäbischer Seits nur bis gegen Waldburg und Ravensburg, den 18. Juli 1841 aber wütete der Südsturm, wenn auch nicht mit denselben Symptomen, in Mainz, an Unterrhein, in Norddeutschland.
Reichte der Sturm weiter nördlich als gewöhnlich, so kam er wahrscheinlich auch weiter von Süden, als gewöhnlich.

Sonst erscheint den Bewohnern des schwäbischen Ufers vor dem Ausbruch des Föhns die Schweiz sehr nahe, den 17. und 18. Juli 1841 erschien sie sehr entfernt, die Gebirge sehr niedrig.

Der Föhnsturm trieb eine grosse Masse Holz von Bregenz nach Lindau, nahm auf der östlichen Hälfte des schwäbischen Ufers sehr viel Kulturland weg,
so dass einige neue Strassen nun schon ziemlich Nachbarn des Sees geworden sind.
In Friedrichshafen deckte er in ein paar Stunden den starken Holzdamm ab, warf die grossen Balken gegen die Stadtmauer, brach zwei starke Breschen in die Schlossmauer.

Quelle: Ludwig Bauer


Seit vielen Jahren hatten wir keinen Orkan von solcher Heftigkeit und solchem Umfange, wie dieser. Dabei waren die ihn begleitenden Erscheinungen von ebenso merkwürdiger Art.
Anstatt dass sonst ein heftiger Sturm nach plötzlich veränderter Witterung, nach lange anhaltender Schwüle oder infolge eines starken Gewitters entsteht,
ging ihm hier ein mehrwöchentliches, fast kaltes Regenwetter voraus und nur wenige Tage zuvor hatte sich diese Kälte gemindert und war am Tage des Ausbruchs selbst,
bei stets bewölktem Horizont, bis zu einem Wärmegrad von 22° Reaumure (27.5°C) übergegangen, eine Wärme, die sonst nur bei hellem Sonnenschein möglich ist!
Werden auch sonst stärkere Stürme gewöhnlich von elektrischen Erscheinungen begleitet, so sind sie doch nicht so auffallend und verberbenbringend.
Hier aber war diese den Sturm begleitende, Elektrizität in einem Grade sengend und brennend, wie dies sonst nur in den heissen Ländern des Südens der Fall ist!

Geht sonst der Sturm, zumal in Gebirgsgegenden, in derselben Richtung wohl mehrere Meilen fort und lässt die jenseits der Gebirge liegenden Gegenden oft ganz unberührt;
so war es hier ganz Deutschland, vom Niederrhein und Belgien bis an die deutsche Kaiserstadt und von der Schweiz bis zur Ostsee und Dänemarks Küste, was er zu dem Schauplatze seiner Verheerungen machte!

Quelle: Friedrich Vietor

I. Entstehung des Orkans

Textauszug aus Der Orkan am 18. Juli 1841 von Friedrich Vietor 1841


Wie auf dem Lande das Wasser als Bach oder Fluss von der Anhöhe herabrinnt, so fliesst in der oberen Region der Luftstrom als sanfter Wind von der Erhebung zur Senkung,
bald aber stürzt er sich mit der Gewalt und Schnelle des Sturmwindes von der ungleich höheren Luftsäule zur Tiefe herab.
Der eine Grund, welcher verändernd auf die Höhe und Dichte der Luftsäule einwirkt, ist die Wärme.
Die Atmosphäre bildet um die Erde ein Sphäroid, dessen Durchmesser am Aequator ungleich grösser ist als an den Polen.
Die wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne dehnen täglich die Luft aus, die sich als sanfter Morgenwind über das Land ergiesst.
Jeder schattige Wald, an dessen Rande, auch bei sonst stiller Luft, unaufhörlich ein erfrischendes Wehen bemerkt wird, verät uns die Verschiedenheit der Ausdehnung der sonnig erwärmten und der abgekühlten Luft.
Dasselbe lehrt uns am Strande des Meeres der Wechsel der Land- und Seewinde.
Noch bedeutender ist jedoch der andere Grund der inneren Gestaltung der Luftsäulen, die Elektrizität nämlich, jene ekektrische Spannung, welche zunächst von der Kraft des Planeten selber ausgeht
und einem inneren Wechsel unterliegt, wiewohl es unläugbar ist, dass die höhere Welt der Gestirne nicht nur durch ihre anziehenden Kräfte den Luftkreis bewegt, sondern auch hemmend oder verstärkend auf die elektrische Kraft der Planetenfläche wirkt.

Von dieser elektrischen Spannung, von dieser Wechselwirkung der Atmosphäre und der Erdfläche hängt unsere Witterung grösstenteils und hauptsächlich ab.
Sie ist zugleich die Ursache des veränderten statischen Verhältnisses der Atmosphäre und der dadurch bedingten Entstehung der Winde.
Gehen wir nun, nach diesen Vorbemerkungen, auf die seit Beginn des Jahres auffallend merkwürdige Witterung zurück, so wird es klar werden,
wie der Orkan durch die Beschaffenheit der Atmosphäre, früher oder später, mehr oder minderheftig entstehen musste:

Auf einen sehr kalten Winter, der eine Masse Schnee und Eis erzeugt hatte, folgte ein ungewöhnlich warmer und trockener Frühling,
der von der letzten Hälfte des April, schon im Mai eine Sommerhitze von 20 bis 26° Réaumur (25-32°C) brachte und bis Anfang Juni fortdauerte.

Diese lang anhaltende, ausserordentliche Hitze musste natürlich die Eismassen des nördlichen Polar-Meeres früher, schneller und in ungewöhnlicher Menge lösen,
südlicheren Gegenden zuführen und durch ihre vermehrten Verdunstung die Atmosphäre ungewöhnlich feucht und kalt machen.
Daher war es seit Anfang Juni bis Ende Juli beständig feucht und kaltes Wetter.

Jede Abkühlung der Luft bewirkt, wenn sie vorher mit Wasser gesättigt war, eine Verdichtung des luftartigen Wassers zur tropfbarflüssigen Form, in der es entweder als Tau zu Boden gefällt wird, oder als Nebel und Gewölk in der höheren Region sich ansammelt.
So musste jenes luftartige Wasser (Gas), welches beständig und in so grosser Menge von jenen Eismassen in die höheren Regionen aufstieg, ein unendliches Gewölk erzeugen, welches durch den Wind dem festen Lande zugeführt wurde.
Dieser Wind musste aber eine östliche Richtung nehmen, d.h. in Deutschland musste ein beständiger Westwind wehen, da die kältere Luft in die östlichen, noch nicht von jenem Gewölk abgekühlten Gegenden, hinwehen musste.

Denn auch das statische Verhältnis der Atmosphäre musste dadurch gestört werden, die oberen Luftsäulen mussten immer stärker und heftiger auf die unteren eindringen,
je kälter die oberen Luftschichten werden mussten und jemehr durch die aus der Erde sich entwickelnde Wärme und Elektrizität die untere Luftschicht verdünnt wurde und am Ende mit Sturmesgewalt auf sie losbrechen.
Daher kann sich nur in dieser Wechselwirkung und in der Nähe der Erdfläche Wärme und Elektrizität bilden; daher kann kein Sturm ohne elektrische Beschaffenheit der Luft entstehen,
so wie elektrische Erscheinungen stets mit ihm verbunden sind; daher die Seltenheit der Stürme bei anhaltend kaltem Wetter und die häufigen Stürme bei Gewittern.

So war es am 17. Juli und noch mehr am 18. Juli des Jahres 1941.
Die Hitze war an diesem Tage so gross, die Luft so schwül und elektrisch, wie dies bei der Annäherung von schweren Gewittern häufig der Fall ist,
die reizbareren Menschen sich unbehaglich fühlten wegen der Schwüle, die Luft war, mit einem Worte gesagt: Sturmesschwanger!

Doch, der Ausbruch dieses Sturmes würde sich vielleicht noch verzögert haben, wenn nicht eine andere Ursache hinzugekommen wäre.
Dies war der schon einige Tage früher in Italien wehende, glühendheisse und dabei gewöhnlich mit Wasserdunst überladene Scirocco.
Selten pflegt er über die Alpen herüber zu kommen. Die rauhere Luft des Nordens gestattet dem warmen und weichlichen Südländer keinen Eingang.
Aber diesmal fand er bei seinem sengenden Zuge von Süden nach Norden auch diesseits der Alpen alles zu seiner Aufnahme gleichsam vorbereitet.
Die sonst, im Verhältnis zum italienischen Himmel, kalte und warme Luft der Transalpinischen Länder war durch die Wärme und Elektrizität ungewöhnlich verdünnt
und bis zur südlichen Hitze erwärmt und dadurch aus ihrem Gleichgewichte gebracht.
Der glühende Fremdling konnt daher ohne Mühe in sie eindringen und, mit seinem westlichen Bruder vereinigt, in Sturmesschritte ganz Deutschland durcheilen und erst an Dänemarks Gestaden sich Ruhe gönnen.

So geschah es. Der Scirocco zeigte sich zuerst in Palermo und Neapel; dann am 17. Juli in Rom und Florenz.
In Rom war er schon am Morgen, in Florenz erst am Nachmittage von 1 bis 3 Uhr.
So ging er über die Alpen, wütete, in Deutschland, besonders im Badischen, wo er gegen 2 Uhr Nachmittags wahrgenommen wurde, zwischen 3 und 4 Uhr in hiesiger Gegend in seiner grössten Heftigkeit tobte,
um 5 Uhr in Berlin sich zeigte und des Abends um 9 Uhr in Kopenhagen zu Ende ging.
Diesseits der Alpen war er mit dem wehenden Westwinde zusammengetroffen und daher des Sturmes Richtung von Südwesten nach Nordosten.

Dass an der ungewöhnlichen Störung des Luftmeeres auch noch eine innere Aufregung im Erdkörper Schuld trage,
darauf scheinen allerdings die an manchen Orten bemerkten Erdstösse, so wie die fast zu derselben Zeit sich zeigende Unruhe und die Auswürfe des Vesuvs hinzudeuten.
Indes sind es doch nur Vermutungen.
Und so wäre denn die Entstehung des fraglichen Orkans möglichst erklärt und gezeigt, dass die ihn begleitenden elektrischen Erscheinungen,
z.B. das Versengen der Gewächse, der Blätter an Bäumen und Weinstöcken, ihren natürlichen Grund in der grossen Elektrizität der Luft hatten.
Auch fällt es bei dieser Erklärung in die Augen, warum in den weiter östlich gelegenen Orten, z.B. Wien, Odessa, zu derselben Zeit, wo wir im Westen von Deutschland beständig bedeckten Himmel hatten,
das schönste, hellste Wetter war und vielfach klagen über ungewöhnliche Hitze und Trockenheit vernommen wurden.

Ob die an demselben Tage stattgefundene Sonnenfinsternis Einfluss auf diesen Orkan hatte oder nicht? Darüber sind die Meinungen sehr geteilt.
Wenn schon, wie oben gezeigt wurde, die Entziehung des Sonnenlichts durch eine Gewitterwolke einen heftigen Wind verursachen kann;
warum sollte nicht die Entziehung dieses Sonnelichtes durch den Mond einen ähnlichen Erfolg haben können?
Das dies nicht bei jeder Finsternis, sondern nur dann geschehen kann, wenn die Beschaffenheit der Atmosphäre dazu geeignet und mit einem Übermasse von Elektrizität angefüllt ist,
erscheint eben so begreiflich, als dass nicht jede dunkle Wolke einen heftigen Wind eregt. Mit dieser Annahme müssen wir uns wohl einstweilen begnügen.


II. Fortgang und Wirkung des Orkans

Textauszug aus Der Orkan am 18. Juli 1841 von Friedrich Vietor 1841


Eine kurze Zusammenfassung des Fortgangs und der Wirkungen dieses Orkanes, wie sie von öffentlichen Blättern aus verschiedenen Gegenden angegeben wurden:

Was zuerst den Scirocco betrifft, so wird aus Rom vom 23. Juli berichtet:
Die Verheerungen, welche folgende Hitze von 33-36 Réaumur (41°-45°C) am 17. Juli angerichtet haben, werden als bedeutend geschildert.
Er soll Bäume nieder- und unreife Trauben vom Stock gerissen haben.
Auf dem Monte Pincio hatten mehrere Bäume ihr Laub abgeschüttelt, wie im späten Herbst.
Jener Süd-Orkan führte Heuschrecken mit sich, die in den Strassen von Rom niederfielen.
die Hitze von 33-36° Réaumur (41°-45°C) wird als enorm bezeichnet, ferner wird aus Rom berichtet, vom 19. Juli:
Die ältesten Leute können sich kaum einer solchen Schwüle der Atmosphäre erinnern,
wie sie ein mehrere Tage andauernder Scirocco über unserer Stadt verbreitet hat.

Zu Florenz wurde dieser glühendheisse Wind ebenfalls am 17. Juli von 1 bis 3 Uhr nachmittags beobachtet.
Der Thermometer ereichte seinen höchsten Stand um 8 Uhr abends auf 26° Réaumur (33°C).

Auch aus Palermo wird uns jetzt berichtet, dass der heisse Südwind, welcher hier am selben Tag, den 17. Juli geweht hat.
Der Thermometer war an vereschiedenen Orten über 30° Réaumur (37°C) gestiegen.
Der Barometer stand auf 31 Zoll. Auch dort hat derselbe die Oliven und Weintrauben abgedorrt.
Man hat gar keinen Begriff von der Wirkung eines solchen Luftstroms.
Trauben, die Tags zuvor noch frisch und voll am Stock glänzten waren sofort zusammen geschrumpft, wie Rosinen.

Am stärksten wütete der Sturm in der Schweiz, wo er halb zum Orkan wurde.
So wird vom Genfer See, 19. Juli, berichtet:
Eine der merkwürdigsten und schönsten, aber auch furchtbarsten Naturerscheinungen war gestern der aus Südwest hereinbrechende Orkan,
der von 9 bis 11 Uhr wütete und grossen Schaden angerichtet hat.
Mehr in dem Engen, von hohen Bergen umstandenden östlichen Teil, als in dem westlichen, in der Gegend von Genf.
Hier wurde nur eine Menge Bäume gesschädigt, entastet oder umgerissen, dort aber wütete nicht bloss der Orkan zerstörend und alles vor sich niederreissend,
sondern auch der furchtbar von ihm aufgeregte See. Von der Macht und Grösse der Wellen macht man sich kaum einen Begriff.
Sie schlugen oft donnernd über dem Schlosse Chillon zusammen, rissen einen Teil der italienischen Strasse am See, der sehr kostbaren, soliden Wasserbauten, Kaie und Promenaden
bei der Tour de Peilz und Vevey weg, spielend mit Steinblöcken von 80 bis 90 Centnern, wie mit Kieselsteinchen.
Herrliche, jahrhunderte alte Bäume auf dem Mont Benou bei Lausanne, in Ouchy und Morges wurden wie Halme geknickt oder sammt der Wurzel ausgerissen und weit weggeschleudert.
In Lausanne fielen viele Kamine und in Villeneuve wurden grosse Massen Holz welche am Seeufer und selbst in ziemlicher Entfernung von demselben aufgeschichtet lagen, von den Wellen fortgeschwemmt.

Ebenso wird von Zürich, 23. Juli, geschrieben:
Der Föhn, der den 18ten morgens mit einer unerhörten Heftigkeit und Schnelligkeit von den Alpen herunterkam und auf dem See raste, hat an Schiffen, Gestaden und Bäumen bedeutenden Schaden angerichtet.

Der gestrige Tag, wird aus Friedrichshafen, 19. Juli , geschrieben, war für die diesseitigen Bewohner des Bodensees, besonders aufwärts, ein Tag des Schreckens und der Angst.
Bei dem schon seit längerer Zeit zu einer ungewöhnlichen Höhe gestiegenen Wasserstand brach der Föhnwind morgens 7 Uhr bei heissem Sonnenschein mit beispielloser Heftigkeit aus und trieb die Wellen des Sees haushoch auf, so dass die angrenzenden Wege und Strassen fasst Bächen glichen, die Hafenbrücke nicht nur abgedeckt, sondern auch Joche und tiefgeschlagene Pfähle ausgerissen wurden, ja selbst die starken Mauern des Hofgartens nicht widerstehen konnten und teilweise einstürzten.
Wie die tobenden Wellen ganze Stücke Erdreich, zum Teil mit Gebüsch und Anpflanzungen, hinwegschwemmten, so entleerte der Sturm weit landeinwärts die Bäume ihrer Früchte, riss auch Manchen ab oder mit der Wurzel ganz aus, bis gegen mittag der Westwind kam und der tiefgesunkene Barometer zu steigen anfing.
Der heisse Luftstrom aus Süden erzeugte nicht nur bei Menschen Mattigkeit und Beklemmung, sondern es schien aus das Laub der Bäume so zu sagen, erlahmt.

Wir sind begierig, zu erfahren, ob dieser Sturm mit einerm gleichzeitigen aus dem Mittelmeer oder in Italien in Verbindung steht und sich dadurch die Meinung bestätigt, dass unser Föhn eine Fortsetzung des Scirocco sei.

Von der Schweiz ging der Sturm immer weiter nördlich, richtete auf beinden Seiten des Rheins zahllose Verheerungen an und dehnte sich nun auch in nordöstliche Richtung über ganz Deutschland aus.
Von den vielen hierher gehörenden Berichten mögen nur einige hier eine Erwähnung finden:

Gundelfingen im Badischen, 19. Juli.
Am Sonntag, den 18. Juli, nachmittags gegen 2 Uhr, wurden 3 bedeutende, von Süden nach Norden gehende Erdstösse wahrgenommen.
Dabei wütete ein heftiger Orkan, der viele Bäume entwurzelte und die Hoffnung auf eine reiche Obsternte vernichtete.

Baden, 20 Juli.
Wolken und Nebel umzogen am letzten Sonntag derartig den Horizont und senkten sich bis etwa auf 10 Fuss zur Erde, dass man lebhaft an den, vulkanischen Ausbrüchen vorhergehender, Ascheregen erinnert wurde.
Mit der Sonnenfinsternis trat nachmittags ein so heftiger Sturm ein, dass Bäume davon entwurzelt wurden.
Die Dampfschiffe konnten den ganzen Tag bei Offenheim nicht anlanden, so tobte der Rhein.

Karlsruhe, 19. Juli.
Ein tobender Orkan, der aus Süden kommend, das Rheinthal durchstrich, hat uns gestern von 9 Uhr früh bis in die Nacht heimgesucht.
Ganze Bäume liegen entwurzelt. Vom Obst wurde mehr als zwei Drittel des Sturmes Beute.
Die Regung der Luft war so gross, dass die Gebäude zitterten und Gläser in geschlossenen Räumen sich hörbar berührten.
Am heftigsten war der Luftzug um die Zeit der Sonnenfinsternis.

Wien, 19. Juli.
Selten waren wir Zeuge eines höchst seltenen Phänomens.
Bei ganz reinem Himmel und starkem Zug von Süd nach Nord erhitzte sich nämlich die Luft in einem Grade, dessen sich die ältesten Leute nicht erinnern können.
Am Nachmittage steigerte sich diese Hitze zu einer wahrhaft afrikanischen Gluthitze von 36° Réaumur (45°C). Der Himmel war mit einem fahlen Dunststreifen überzogen.

Koblenz, 18. Juli.
Schon in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli war der Barometer rasch von 28 auf 27 gefallen, was schon eine ungewöhnliche Störung der Gleichgewichts der Luft erwarten liess.
Starke Wolkenströmungen und heftige Windstösse nahmen im Laufe des heutigen Tages zu. Der Barometer zeigte eine plötzliche Schwankung von 3/4 Linien.
Am heftigsten wütete der Sturm gegen 3 Uhr nachmittags, so dass die hiesige Schiffbrücke seiner Gewalt nicht widerstehen konnte.
Die einzelnen Joche derselben kamen nach einander sammt den zufällig darauf befindlichen Personen und einem zweispännigen Wagen ins Treiben und trieben teils bis Neuendorf, teils aber auch bis oberhalb Engers.
Kölner und Düssledorfer Dampfboote brachten sie zurück.
Auf den Feldern und in den Gärten hat der Sturm grossen Schaden verursacht. Starke Bäume wurden entwurzelt oder ihrer Aeste und Früchte beraubt.
In den Weinbergen liegen die Rebstöcke zerknickt.

Frankfurt, 19. Juli.
Nachdem gestern Vormittag zwischen 11 und 12 Uhr ein heftiger, aus südost kommender Sturmwind sich erhoben, artete derselbe nachmittags von 4 1/2 bis 6 Uhr aus Südwest zu einem Orkan aus, der so heftig wurde, dass er die stärksten Bäume entwurzelte.
Hier in der Stadt die Schornsteine und Dächer sehr beschädigte und in den Gärten durch die Vernichtung vieler Obstbäume beteutenden Schaden anrichtete.

Mainz, 20. Juli.
Vorgestern wurden wir hier von einem Orkan heimgesucht wie sich eines ähnlichen die älteren Leute nicht erinnern, dessen Verheerungen nur mit jenen zu vergleichen sind, welche sie Stürme in den Tropenländern zu Zeiten anrichten.
Zwei Tage vorher schwankte der Barometer zwischen Regen und Wind und schönem Wetter.
Am Samstage war derselbe wieder über veränderlich gestiegen. Sonntags, den 18. Juli um 10 Uhr fiel er plötzlich um einige Grade.
Das Wetter war schwül und gegen Mittag zog ein Gewitter mit heftigen Windstössen von Südwesten heran.
Es tat einige Donnerschläge und regnete während einer halben Stunde; dann erhob sich der Orkan.
Es war nun nicht mehr möglich, ohne Gefahr durch die Strassen zu gehen. Von allen Dächern fielen Ziegel und Schiefer herab.
Obstbäume und Gemüse im Gartenfeld wurden gänzlich vernichtet.
Auf dem Rheine war der Wellenschlag so stark, dass die Wellen auf das Verdeck der Dampfboote schlugen und die Passagiere auf denselben förmlich seekrank wurden.
Das Frankfurter Marktschiff konnte erst gegen 10 Uhr abends um die Mainspitze herumkommen.
Aber alle diese Beschädigungen sind Nichts im Vergleich mit dem Schaden an Feldfrüchten und Ernten der uns umgebenden Orte.

Berlin,19. Juli.
Gestern Abend 5 Uhr, als gerade eine Sonnenfinsternis eintreten sollte, wütete hier, nach einer zuvor gegangenen Hitze von 26° R (21°C) ein furchtbarer Orkan,
der die festesten Bäume entwurzelte, Wagen mit Pferden auf offener Strasse umwarf und andere Unglücksfälle anrichtete.
Unter anderem hat das Zinkdach des Restaurationsgebäudes bei dem Berlin-Anhaltschen Eisenbahnhofe bedeutend gelitten.
Der Sturm hob in beträchtlicher Breite die Zinkplatten des Daches auf und warf sie über die Stadtmauer hinweg.
Von der Gewalt des Sturmes kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, dass dieses Dach gegen 200 centner Zink enthalten mochte.

Kopenhagen, 19. Juli.
Gestern Abend zog ein sehr starkes Gewitter, von einem orkanartigen Sturm und heftigem Regenschauer begleitet, über die Stadt.
Es brach hier um 9 Uhr aus und wütete über 2 Stunden.

Aehnliches wird aus München, Brüssel, Hamburg und fasst allen Gegenden Deutschlands berichtet.
Ueberall klagt man über die traurigen Folgen des glühend heissen mit einem Übermasse von Elektrizität angefüllten Sturmes.

So war nicht nur ganz Deutschland, sondern auch die Schweiz, Dänemark, Belgien, ein grosser Teil von Frankreich und in gewissem Sinne auch Italien der Schauplatz eines Orkanes,
der den Barometer und alle bisherigen Witterungsregeln zu Schanden machte und Tausenden nachteilig wurde.

Historische Quellen

Interna

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