19260622 01 Flood Balsthal SO

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Quick Facts

Type of Event Flash Flood
Verification State QC1
ESWD Not reported
Location Mümliswil (SO), Balsthal (SO), Holderbank (SO), Egerkingen (SO), Langenbruck (BL), Waldenburg (BL), Reigoldswil (BL), Dietgen (BL), Läufelfingen (BL)
Time / Duration 15:00-16:00 (local time)
Date 22.06.1926
Magnitude / Dimension > 70mm of rain in 1 hour
Damage Flooded streets and maedows, landslides
Fatalities -
Injuries -
Report Source Historical reports, Newspaper report, photos
Remarks -


Ereignis

Die Archivkommission der Bürgergemeinde Balsthal dokumentiert in folgender Broschüre anhand von Presseberichten, Gemeindeprotokollen und Zeitzeugen das Ereignis von 1926.
Archivkommission der Bürgergemeinde Balsthal: Kurt Heutschi, Erich Altermatt, Claudio Favaro, Ursula Winistörfer
Die Broschüre kann bei der Bürgergemeinde Balsthal bestellt werden.

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Der Polizist zeigt den Wasserstand
an der Ecke Goldgasse/Herrengasse in Balsthal

Auszug aus der Broschüre:
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Am 22. Juni 1926 wurde der Solothurner- und Baselbieter - Jura im Gebiete des Passwang und Belchen von starken Gewittern heimgesucht.
Besonders stark gelitten haben Balsthal, Holderbank, Mümliswil und einige Gäuergemeinden.
Das Archiv (Magazinraum) im Amtshaus Balsthal wurde überschwemmt und fast alle darin aufbewahrten Dokumente wurden stark beschädigt.
Ein Teil konnte nicht mehr gerettet werden. Die restlichen im Wasser gelegenen Bände wurden leider nicht fachgerecht restauriert.
So blieben sie wohl unbenutzt in einem katastrophalen Zustand bis 1941 in Balsthal aufbewahrt.
Nach der 1941 erfolgten Räumung in den Archiven der Amtshäuser wurden sie ins Rathaus in das Staatsarchiv in Solothurn geholt und im Estrich eingestellt.
Wie viele Bände dieses Bestandes damals der Überschwemmung und ihrer Folgen zum Opfer fielen, lässt sich leider nicht mehr feststellen.
Die meisten Bände sind heute in einem sehr schlechten Zustand, die darin enthaltenen Protokolle sehr oft entweder unleserlich oder sind verloren gegangen.

Schweres Unwetter (22.6.1926)
Innert knapp einer Viertelstunde tritt die vordere Frenke über die Ufer und überflutet Landstrasse und Gärten meterhoch.
Wasser fliesst über Gesimshöhe in Stuben und Küchen.

Artikel von Guido von Arx - az Solothurner Zeitung - erschienen 21.06.2016

Ein verheerendes Unwetter hat am Nachmittag des 22. Juni 1926 die Amtei Tal-Gäu heimgesucht.
Unzählige Gewitter entluden sich über dem Gebiet von Langenbruck.
Riesige Wassermassen verursachten gewaltige Schäden in Holderbank und Balsthal.
An einigen Stellen der Teufelsschlucht stieg das Wasser in 10 Minuten um 3 Meter.

So sah es am 22. Juni 1926 an der heutigen Martinstrasse nach dem verheerenden Gewitter aus.
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© zvg

Bei den Gemeinden vor dem Berg im Gäu war Egerkingen am stärksten betroffen.
Die Presse vom 23. Juni 1926 berichtet über das Ereignis wie folgt:
«Ein heftiger Wolkenbruch brach gestern Nachmittag ca. 3 Uhr über unserer Gemeinde los. Innert 10 Minuten bot sich ein trauriger Anblick.
Die trüben Fluten vermochte das Bachbett, insofern man noch von einem solchen reden kann, nicht mehr zu fassen, sodass das Wasser stromähnlich durch das Dorf hinab floss.
Arg gehaust hat das Unwetter im oberen Dorfteil, im Flühloch. Das mit grossen Quadersteinen eingefasste Bett des Dorfbaches ist stellenweise vollständig weggerissen.
Die Strasse ebenfalls und ein Garten schützengrabähnlich aufgerissen. Ein anderer schöner Gemüsegarten ist nun ein Schutthaufen.
Die Küche und die Wohnstube in einem Hause waren mit Geröll und Wasser zirka 1 Meter hoch angefüllt.»

Gemeindeschreiber Otto Studer ergänzt den Bericht im Protokoll des Gemeinderates wie folgt:
«Das Wasser drang bei der Bäckerei Leibundgut und bei Adelbert Wagner in die Häuser und hat in denselben arg gehaust.
Wände und Türen wurden eingedrückt und fast alles Mobiliar von den Fluten weggerissen. In der Küche des Adelbert Wagner war meterhoch Schutt.
In der Backstube des Leibundgut war das Wasser 2 Meter hoch und hat sämtliche Mehlvorräte vernichtet.
In der Scheune und im Stall von August Felber, Weibel, war das Wasser schon meterhoch. Die Kühe konnten nur noch durch Einschlagen der Türe gerettet werden.»
Die Feuerwehr war ständig im Einsatz, wehrte, wo sie konnte, war aber mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Flut und das Geröll weitgehend machtlos.

Regierung schickt Hilfe

Nachdem der Sturm vorübergezogen und Wasser abgelaufen war, begannen die Aufräumarbeiten.
Jetzt erahnte man die enormen Schäden, welche die Flut an der Strasse sowie an den Häusern angerichtet hatte.
Berechnungen zufolge ergoss sich über Egerkingen eine durchschnittliche Wassermenge von 7,5 cm oder 75 Liter pro Quadratmeter.
Eine Tafel am Haus Flühloch 5 markiert noch immer die Höhe der Wasserflut.

Am Tag nach der Katastrophe besichtigte der Solothurner Gesamtregierungsrat das Schadengebiet.
Er beorderte ein Militärdetachement zur Mithilfe bei den Aufräumungsarbeiten und erliess einen Aufruf zu einer Liebesgabensammlung von Haus zu Haus.

Das Baudepartment beauftrage zudem ein Ingenieurbüro mit der Projektierung der Dorfbachsanierung.
Ergebnis: Der Bach wurde zu einem leblosen Kanal ausgebaut. Das wird sich mit der aktuell laufenden Umgestaltung der Martinstrasse schon bald ändern.
Entstehen soll ein Bachlauf, der zum Verweilen einlädt und das Dorfbild aufwertet.

Diegterbach BL An die Katastrophe vom 22. Juni 1926 erinnert eine Marke am Restaurant Hirschen in Dietgen.
Sie befindet sich ca. 1.40m über dem Niveau der Kantonsstrasse.
Nachrechnungen haben ergeben, dass am 22. Juni 1926 ca. 100 m3/sek. abgeflossen sein müssen.
Die bestehende Kapazität des Diegterbaches beträgt ca. 20 bis 30 m3/sek.!

Aus Heimatkunde von Eptingen: (Hans Tschopp, 1967)

Das schwerste Gewitter der letzten Jahrzehnte war dasjenige vom 22. Juni 1926, welches zu einer Hochwasserkatastrophe führte. Der schöne Morgen dieses Unglückstages versprach nach langer Regenzeit einen prächtigen Heuertag.
Gegen Mittag senkte sich eine drückende Schwüle auf den ganzen Talkessel. Nach dem Mittagessen legten sich die Mähder im Schatten zum wohlverdienten Mittagsschläfchen.
Unterdessen hatte sich der Himmel verdunkelt, schwere Gewitterwolken zogen über die Juraberge, und urplötzlich brach ein fürchterliches Gewitter los.

Die Sturmglocken heulten, und ihre Töne mischten sich in das Krachen der Donnerschläge.
Die Schleusen des Himmels hatten sich geöffnet, und schon wälzte sich eine braune, brodelnde Brühe meterhoch durch das enge Bachbett.
Die Wassermassen brachten Schutt, Steine und entwurzelte Bäume mit.
Der Obertlochbach überschwemmte die durch den Schutt verstopfte Brücke im Oberdorf, drang in die nächsten Häuser, riss die zweite Brücke, einen Teil der Landstrasse und die Pritsche zum Mühleteich weg.

Mit voller Wucht zwängten sich die wilden Fluten durch den Durchgang unter dem Bad, verstopften den Eingang, stauten sich hinter dem Bad, rissen im Bad einen Teil der Küche und des kleinen Saales mit und vereinigten sich dann beim Gasthof zur Linde mit dem Leisenbach.
Dieser gebärdete sich ebenso wild wie sein Kamerad. Seine drei Brücken wurden teilweise beschädigt, durch Baumstrünke und Steine verstopft, so dass die Wassermassen ihren Weg über Strassen und Hausplätze suchten.

In der Schmiedengasse drang das Wasser in die Keller und teilweise ins Erdgeschoss und stömte dann durch Gärten und Strassen gegen die alte Käserei (heute Gemeindehaus) und den Gasthof zur Linde (Heute Gemeindeplatz).
In der Käserei mussten die Bewohner aus dem ersten Stock gerettet werden.
In der "Linde" wurden die Keller mit Wasser und Schutt gefüllt, die Fluten drangen durch Saal, Wirtschaft und Küche hindurch auf die Landstrasse, beschädigten die Lindenbrücke und vereinigten sich dann mit dem Obertlochbach.

Mit gemeinsamer Kraft wälzten sich die Fluten dem Ausgang des Dorfes zu, drangen in die nächsten Häuser, beschädigten die Eichenbergbrücke und überschwemmten dann die Wiesen unterhalb des Dorfes.
Die Säge wurde vollstatändig überflutet, und vom Holzlager wurden schwere Baumstämme mitgerissen.

Auch der Feldbach brachte aus dem Gebiet von Weier, Lind und Hasel grosse Wassermassen mit viel Schutt in die Talebene herunter.
Er beschädigte alle seine Brücken und riss zwischen Wallburgstüel und Habsen fast die ganze Strasse weg.
Bei der Unterburg vereinigte er sich mit den beiden anderen Bächen, und mit vereinter Kraft übergossen ihre schmutzigen Fluten die Ängeren und die Schaubmatt unterhalb der Unterburg.

In der Klus zwischen Oberburg und Wasserfalle sammelten sie ihre Kräfte wieder, und als reissender Strom wälzten sich die trüben Fluten das Diegtertal hinunter, wobei sie in allen Dörfern ebenfalls grossen Schaden anrichteten.

Auch jenseits der Wasserscheide, im Homburger-, Waldenburger- und Langenbruckertal entstanden grosse Verheerungen.
In Eptingen gingen an steilen Hängen mehrere grosse Erdrutsche nieder besonders im Stock und im Rohr.
Die Talbebene unterhalb des Dorfes war nach Abfluss des Wassers meterhoch mit Schutt, Geröll und Steinen überdeckt.


Augenzeugenbericht

Edi Dobler, Jahrgang 1913:
"Am Nachmittag des 22. Juni 1926 besuchte ich als Bezirksschüler die Violinstunde bei Lehrer W, Heutschi.
Als es zu donnern begann und ein Gewitter sich ankündigte, wurde ich um 15.00 Uhr heimgeschickt.

Der Himmel Richtung Schloss Neu Falkenstein war eigenartig schwarz-gelb.
Es begann zu regnen, Plötzlich hörte ich Alarm! Neugierig wie ich war, rannte ich zur alten Chäsi.
Von der Spielmann-Brücke her flutete der Augstbach der Baslerstrasse entlang dem Dorf zu.
Auf den Treppen vor den Häusern zwischen Gasthof Löwen und Schmitte beobachteten die Leute entsetzt, wie das Wasser ihre Holzbeigen wegschwemmte.
Es sei ein Wolkenbruch, wurde einander zugeschien! Durch das Dorf ergoss sich bald bis hinunter zum Gasthof Kreuz ein riesiger Wasserstrom.

Auf Hinterwegen begab ich mich zur Sägerei Rütti, wo meine Verwandten wohnten.
Ich sah, wie bei der Inselibrücke Feuerwehrmänner im reissenden Wasser standen und mit Seilen angebunden waren.
Sie mussten die Brücke sichern. Auf dem Vorplatz der Sägerei wurden die Baumstämme wie Zündhölzer weggetragen.
Allerlei Gegenstände, sogar ein Chüngelstall, trieben in den Fluten vorbei."

Bilder und Berichte

Übersichtskarte zur Orientierung
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© Kai Kobler

Bilder von Plattform der ETH Zürich für Bilder, Fotografien und Illustrationen

Bildeindrücke aus dem Dorfzentrum von Balsthal
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Vom Brunnen auf dem Dorfplatz ist nur noch ein Teild des Stocks zu sehen

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Auf der Rösslitreppe behielt man trockene Füsse

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Die überschwemmte Goldgasse

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Impressionen aus dem Umland von Balsthal
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Weihermatt Balsthal

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Weggeschwemmtes Holz beim neuen Bezirksschulhaus

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Wettersituation am 22. Juni 1926

Über Mitteleuropa herrschte eine falche Druckverteilung vor.
Über der Schweiz lag eine ausgeprägte Tiefdruckrinne, die mit der tageszeitlichen Erwärmung am Nachmittag kräftige Gewitter erwarten liess.

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© Wetterzentrale

Betroffene Gewässer

Augstbach, Limmernbach, Mümliswilerbach, Frenke, Diegterbach

Rekonstruierter Hochwasserabfluss

Beispiel Vordere Frenke (Kt. BL)
Die Frenke ist ein kleiner Jura-Fluss, der im Baselbieter Faltenjura entspringt und durch den Tafeljura Richtung Liestal fliesst.
In Bubendorf steht ein Pegel, der ca.50 Jahre Messungen aufweist. Diese Messreihe ist vergleichsweise lang und verleitet dazu, ein HQ100 von ca. 25–30 m3/s abzuschätzen
Das älteste bekannte Hochwasser ereignete sich im Jahre 1629. Es war so heftig, dass im Tal mehr als 10 Menschen starben.
An einer Hauswand in Niederdorf ist der Wasserstand des Hochwassers von 1830 verzeichnet, damals wurden 119 Häuser weggeschwemmt und 19 Personen kamen um.
Weniger verheerend waren die Hochwasser von 1881 und 1926.
Aufgrund von Hochwassermarken und Wasserbauakten konnten die Abflussspitzen abgeschätzt werden.
Mit einer überschaubaren Zeitspanne von ca. 400 Jahren konnte diesen Hochwassern eine Wiederkehrperiode zugeordnet werden.
Bild 8 zeigt, dass die 50-jährige Messreihe für die Hochwassergeschichte der Vorderen Frenke kaum repräsentativ ist.
Der Einbezug historischer Hochwasser führt zu einem weit höheren HQ100 (40–50 m3/s).
Eine alleine auf Messungen beruhende Abschätzung ergibt ein wesentlich kleineres HQ100.
Wider Erwarten wurden die beiden grössten Ereignisse im 44km2 grossen Einzugsgebiet gemäss historischen Unterlagen durch Gewitter erzeugt.
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Quelle: Historische Hochwasser: Weshalb der Blick zurück ein Fortschritt bei Hochwasserabschätzungen ist «Wasser Energie Luft» – 103. Jahrgang, 2011, Heft 1, CH-5401 Baden

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