19351028 01 Flood Zentralschweiz

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Quick Facts

Type of Event Flood
Verification State QC1
ESWD Not reported
Location Alpennordhang, Waadtländer Alpen
Time / Duration 24 hours
Date 28.10.1935
Magnitude / Dimension >100mm of rain in 24 hours
Damage -
Fatalities 3
Injuries -
Report Source chronicles, general archive
Remarks -

Ereignis

Anhaltend starke Regenfälle verursachten Wasser- und Rutschungsschäden in 6 Kantonen. Bei Saanen (BE) wurde ein Bauernhof durch eine Rutschung fortgerissen, 3 Personen fanden dabei den Tod.
Quelle: Gerhard Röthlisberger - Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz

Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen
19351028 01 Flood Zentralschweiz Simmental.jpg
© Ereigniskataster Kanton Bern

Messdaten

Übersicht Regenmengen >70mm vom 28.10.1935
19351028 01 Flood Zentralschweiz prtsc.jpg
© Kai Kobler >> Link zu interaktiver Karte

Bilder

Sarnen OW: Überschwemmung 30. Okt. 1935

Quelle Kollektives Überschwemmungsgedächtnis

Analyse von M. Grütter

Am 27.,28. und 29. Oktober 1935 fielen besonders auf der Nordabdachung der Alpen große Niederschläge. Die Tagesmengen erreichten am 28. eine abnorme Höhe, so daß in verschiedenen Alpentälern Hochwasser eintrat.
Die Verteilung der Niederschläge ist an allen drei Tagen ähnlich. Hauptniederschlagszone ist das Alpengebiet nördlich der Rhone und des Rheins.
Dagegen erhielt die Südabdachung nur geringe Mengen; das Tessin blieb nahezu trocken. Am 27. und 28. ist auch die Nordseite des Jura noch bevorzugt.

19351028 01 Flood Zentralschweiz card.jpg

Für den 27. ergibt sich die in Karte 10 dargestellte Niederschlagsverteilung. Man erkennt einen Streifen mit über 40 mm Niederschlagshöhe in den Alpen, der durch folgende Stationen festgelegt ist:
Lauterbrunnen(43 mm), Beatenberg(54), Flühli(45), Gadmen(59), Grimsel(56), Färnigen(71), Unterschächen(47), Braunwald(79), Oberiberg(52), Morgarten(44), Vorderwäggital(51), Elm(56), Weißtannen(48), Ebnat(61).
Weitere Kerne mit über 40 mm finden sich bei Jaun(53 mm), im Prätigau (Klosters 42 mm, Schiers 46), im Sololhurner und Aargauer Jura (Solothurn 53 mm, Weißenstein 45, Langenbruck 53, Wintersingen 48, Beznau 44, Laufenburg 56).

Die Regenkarte Nr.11 für den 28. zeigt abgesehen von den sehr viel größeren Beträgen ein ähnliches Bild. Die Zone mit mehr als 40 mm Niederschlag deckt an diesem Tage fast das ganze nordseitige Alpengebiet.
Die wichtigsten Maxima sind: Rochers-de-Naye 125 mm, Jaun 141, Beatenberg 122, Furka 175, Isental 99, Braunwald 121, Seewis 69.
Sodann fiel an diesem Tag mehr als 40 mm auf der Nordwestseite des Waadtländer und Neuenburger Jura (La Cure 45 mm, L'Auberson 52, Les Brenets 53, Mont Soleil 50).

Am 29. wurde 40 mm Niederschlagshöhe nur noch auf kleinen Gebieten überschritten, nämlich u. a. auf den Stationen:
Rochers-de-Naye (67 mm), Jaun (43), Adelboden (48), Beatenberg (47), Gersau (43), Klönthal (70), Schönenberg (Waldhalde)(41), Ricken (48), Wildhaus (46), Schwäbrig (41).


Begreiflicherweise war bei so großen und verbreiteten Niederschlägen der verursachte Gesamtschaden ein beträchtlicher.
Darüber wurde seinerzeit in der Tagespresse ausführlich berichtet. Immerhin verteilen sich die Niederschläge über einen nicht allzu kurzen Zeitraum.
Eigentliche Starkregen kamen in der Nacht vom 28. zum 29. vor. Strassen- und Bahnunterbrechungen durch Murgänge und Ueberschwemmungen, Zerstörung von Brücken hatten erhebliche Verkehrsstörungen zur Folge.
U. a. bei Bex, im Saanenland, im Simmen- und Lütschinental, am rechten Thunerseeufer, an der Gotthardstraße, am Lowerzersee, ferner am Klausenpass, im Sernftal, zwischen Sargans und Flums.
Leider sind auch Todesopfer zu beklagen, indem auf dem Theilegg ob Saanen durch eine Geländerutschung ein Bauernhaus fortgerissen wurde, wobei zwei Erwachsene und ein Kind den Tod fanden.


Die Druckverteilung ist während der drei Tage im wesentlichen diese: Ueber dem Atlantik westlich von Nordspanien liegt der Kern eines kräftigen Hochdruckgebiets (Azorenhoch, Maximum über 775mm).
Dieses läuft ostnordostwärts über dem Alpenvorland in einen kleinen Keil aus.
Depressionen wandern im südöstlicher Richtung in der Zone Island-Südskandinavien-Zentralrußland. Relativ tiefer Druck herrscht auch auf der Südseite der Alpen, über Italien und der Adria.

Am 27. nähert sich der Schweiz, bei noch relativ hohem Druck, von NNW her eine Warmfront. Zwischen 8 und 10 h registriert der Säntisthermograph einen ziemlich plötzlichen Temperaturanstieg bei auffrischendem südwestlichem Wind.
Von Mitternacht an bleibt die Temperatur auch in den Niederungen konstant; die gesamte Zunahme beträgt bis dahin (Zürich und Säntis) zirka 8°.
Der Luftdruck beginnt auf dem Säntis um zirka 21 h zu fallen, in Zürich schon 10 Stunden früher, was sich durch den Ersatz der präexistierenden Kaltluftschicht zwischen Zürich und Säntis durch wärmere Luft erklärt.
Um 10 h beginnen zunächst in der Nordostschweiz, gegen Mittag auch im Westen die Niederschläge, die hier auch in den Niederungen anfangs teilweise in Schneeform fallen,
doch bald bei steigender Temperatur, bis in die Höhenlage von etwa 2000 m in Regen übergehen. Die Niederschläge sind zunächst schwach. Erst nachts, nach Passage der Warmfront fällt die Hauptmenge dieses Tages.
Für diese Niederschläge sind, wie überhaupt während der ganzen Regenperiode, offenbar die durch das Gebirge bewirkten Konvergenzen der Strömung und damit aufsteigenden Bewegungen der Luft verantwortlich zu machen,
denn weitere bewegliche Fronten haben die Alpen bis zum 29. nicht passiert; die Schweiz bleibt zunächst dauernd in der Warmluftmasse.

Die während der Nacht vom 27. bis 28. in Frankreich gefallenen Niederschläge betragen außerhalb der Gebirgszone nicht mehr als 0.1mm.
Die Strömung ist in Frankreich westlich, in der Schweiz bis zur Kammhöhe der Alpen und in Süddeutschland westsüdwestlich und dreht mit zunehmender Höhe nach Norden.
Die Passstationen melden Luftübertritt von Norden nach Süden. Dann ist aber die Strömung auch sehr intensiv und hat infolge ihrer maritimen Herkunft und ihrer hohen Luftwärme einen großen Wasserdampfgehalt.
Die Bedeutung der Orographie kommt aber erst am 28. so recht zur Geltung in Verbindung mit einer stationären Front im Osten der Alpen, die das Ausweichen der Warmluft nach jener Seite hindert.

Am 28. dringt nämlich auf der Rückseite einer Depression über Polen polare Kaltluft über Deutschland hinweg nach Süden vor.
Ihre Grenze gegen die Warmluft im Westen verläuft um 19 h des 28. am Boden ungefähr über Innsbruck, Karlsruhe, Antwerpen, Yarmouth, schließt also mit der Alpenkette eine Ecke ein, in der die Aufstauung der Warmluft stattfindet.
Dadurch einerseits erklären sich die großen Beträge, die in der Nacht vom 28. zum 29. gefallen sind.
Andrerseits deuten die Gewitter, die vor allem im Reußtal um zirka 6 h, aber auch im Pays d'Enhaut (Donner um 3 h) gemeldet werden, auf instabile Umlagerungen hin.
Um die genannte Zeit erreicht der Regen seine größte Intensität. Die Windrichtung geht im nördlichen Alpenvorland (Schweiz, Süddeutschland) in eine westliche bis nordwestliche über.
Die Drehung nach Nord mit der Höhe verstärkt sich noch durch den Ersatz der Luftmassen durch kältere im Osten Europas, wärmere im Westen in den untern Schichten.
Auf dem Säntis dreht der Wind zwischen 19 h und 23 h nach NW. Auch in den nach W bis N offenen Tälern macht sich eine taleinwärts gerichtete Strömung bemerkbar, so im obern Saanetal, im Haslital und im Reußtal.
Speziell sei auf die Bevorzugung der Nordwestseite des Jura am 28. aufmerksam gemacht. Von 13 h des 29. an lassen die Niederschläge nach.
In Zürich regnet es noch bis zirka 20 h. Die Schneefallgrenze steigt zeitweise auf zirka 2500 m.
Wie die Wetterkarten zeigen, weicht die Front im Laufe des 29. langsam ostwärts zurück. Zudem hat schon am Vorabend der Abbau des den Alpen im NW vorgelagerten Hochdruckkeils von Nordwesten her begonnen.
Auf dem Säntis dreht der Wind ebenfalls um die Mittagszeit des 29. wieder von NW in die WSW- bis W-Richtung zurück. Um 19 h des 29. liegt eine ziemlich tiefe Randzyklone über dem Skagerrak mit noch ausgeprägtem Warmsektor im Süden.
Die Warmfront im Osten hat Hamburg passiert; über dem Kanal liegt jetzt eine Kaltfront, die am 30. in der Frühe die Alpenkette berührt und der ein Restanteil der am 30. um 7 1/2 h gemessenen Niederschläge „vom 29." angehört.

Medienlinks

© MeteoSchweiz ANNALEN der SCHWEIZERISCHEN METEOROLOGISCHEN ZENTRAL-ANSTALT 1935


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