19510808 01 Flood Tessin TI

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Quick Facts

Type of Event Flood
Verification State QC1
ESWD Not reported
Location Kanton Tessin, Kanton Graubünden
Time / Duration 24 hours
Date 08./09.08.1951
Magnitude / Dimension >200mm of rain in 24 hours
Damage -
Fatalities 3
Injuries -
Report Source chronicles, general archive
Remarks -

Ereignis

Am 8. und 9. August 1951 kam es auf der Alpensüdseite nach intensiven Gewittern zu Überschwemmungen.
Verwüstungen, Dammbrüche, zerstörte Häuser und Brücken sowie unterbrochene Verekehrswege waren die Folgen.
Nach vorsichtiger Schätzung beliefen sich die Schäden im Tessin auf 11 Millionen, in Graubünden auf 8 Millionen Franken.
In Wirklichkeit dürften die Schäden aber weitaus höher gewesen sein. Drei Personen kamen in den hochgehenden Fluten um.
Schwerpunkte waren der Sottoceneri, das Maggiatal, die Magadinoebene und die Leventina im Tessin.
Das Misoxer- und Calancatal, das Bergell, das Oberengadin und das Averstal im Kanton Graubünden.
Quelle: Gerhard Röthlisberger - Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz

19510808 01 Flood Südschweiz karte1951.jpg
Quelle: Gerhard Röthlisberger - Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz


Der Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden berichtet:

Rüfen gehen in Trun und Trimmis nieder.
Der Haldensteiner Brücke reisst der hochgehende Rhein den dorfwärts liegenden Pfeiler weg.
Im Oberengadin durchbrechen Inn und Flazbach die Dämme, so dass die Ebene bei Samedan und Celerina zum See wird.
In Samedan stehen zahlreiche Häuser bis zum 1. Stockwerk im Wasser.
Die Verbindung mit Pontresina ist durch Zerstörung oder Beschädigung der Brücken unterbrochen.

Noch schwerer sind die Hochwasserschäden im Misox und Calancatal, wo zahlreiche Brücken, Strasse und Bahn beschädigt werden.
Da der Verkehr vollkommen unterbrochen und mehrere Dörfer abgeschlossen sind, versorgen Flieger der Armee die Bevölkerung mit Lebensmitteln.
Die Lawinen des Winters und die Hochwasser des Sommers lassen die ohnehin schwierige Lage unserer Südtäler geradezu trostlos erscheinen.
Kritisch ist die Situation auch bei Castasegna, wo ein grosser holländischer Car und 2 Personenwagen durch eine Rüfe eine Strecke weit weggeschwemmt werden.

Der Bodensee steigt in 2 Tagen um 25 cm, was einer Zunahme seines Volumens von rund 140 Millionen Kubikmeter gleichkommt.


Am 8. August 1951 sind im Tessin ganz ungewöhnlich große Niederschlagsmengen gefallen.
Vor 7.30 Uhr dieses Tages hat fast das ganze Kantonsgebiet mit Ausnahme des Sottoceneri mehr als 40 mm Niederschlag erhalten.
Das Kerngebiet entfällt auf das Einzugsgebiet der Maggia, wo meist 100 bis 120 mm gemessen wurden (in Camedo 179 mm).
Auf der Nordseite der Alpen wurde der Betrag von 30 mm außer im Kantonsgebiet von Glarus und Uri nur noch in der Nordschweiz strichweise überschritten.

Am 8. August 1951 liegt das Gebiet mit mehr als 40 mm Niederschlag ausschließlich im Südosten einer Linie, die etwa von Camedo über Faido, Vals nach Ragaz verläuft.
Von dieser scharfen Grenze aus wachsen die Beträge gegen Südosten sehr rasch an und überschreiten 200mm auf folgenden, das Kerngebiet (des 8.) bezeichnenden Stationen:
Brissago 210 mm, Locarno-Monti 222 mm (dagegen Mosogno [Onsernone] nur 15 mm), ferner Locarno-Muralto 236 mm, Crana Torriceila 207 mm, Bellinzona 191 mm und Biasca 204 mm.
Im Süden hat lediglich das Gebiet südlich von Lugano weniger als 40 mm erhalten.
Dagegen ist auch Graubünden mit Ausnahme des Unterengadins nun in die Zone mit mehr als 40 mm einbezogen worden.
Hier haben noch erhalten: Mesocco 108 mm, Splügen-Dorf 160, Vicosoprano 117, Davos 56, Chur 64, Arosa (lokal) 136 mm.

Die größten Gesamtergebnisse beider Tage erhält man für das Tessintal (Camedo 243 mm, Brissago 266, Locarno-Muralto 271, Bellinzona 241, Biasca 293).

Diese Wassermengen haben eine Hochwasserkatastrophe großen Ausmaßes zur Folge gehabt, worüber in der Tagespresse berichtet wurde.
Wie gewöhnlich in den Ausnahmefällen hat auch hier das Zusammentreffen mehrerer günstiger Bedingungen die katastrophalen Beträge verursacht.
Leider reichen unsere Beobachtungen nicht aus, um die einzelnen Wetterphasen genauer von einander zu unterscheiden.
Jedoch weist schon das Wandern des Niederschlagsgebiets darauf hin, daß die Niederschläge an eine Front geknüpft sind und zwar an einen Kaltlufteinbruch.
Dieser Kaltlufeinbruch der indessen keineswegs einfach verläuft, wie die Registrierungen von Locarno-Monti zeigen.

Hier lassen sich fünf getrennte Starkregen unterscheiden, die sämtlich mit Gewitterstörungen verbunden waren.
Der erste fällt während eines Temperaturfalls um 4° bei schwachem Südostwind von null bis 1.30 Uhr (30 mm).
Vor dem zweiten steigt die Temperatur jedoch wieder auf den ursprünglichen Wert (22°), um dann während des zweiten Regens,
der von 6.30 bis 8.30 Uhr dauert und 27 mm Niederschlag einbringt, bei starkem Westwind neuerdings um 4° zurückzufallen (Kaltfrontpassage).
Der dritte Starkregen von 8.30 bis 12.30 Uhr (53 mm) begleitet einen weiteren Temperatursturz um 3 Grad, der dann ebenfalls wieder rückgängig gemacht wird.
Es sieht aus, als ob die Warmluft zeitweise zurückgekehrt wäre.
Erst zu Beginn des vierten Starkregens fällt die Temperatur endgültig auf das tiefste Niveau von 16° zurück, das fortan beibehalten wird.
In der Höhe ist der Temperaturrückgang natürlich wesentlich gleichmäßiger.
Daß ein Kaltlufteinbruch und zwar aus Süden vorliegt, geht aus dem anhaltenden Süd- bis Südwestwind bei fallender Temperatur in der Höhe hervor.
In der Tat zeigt ferner die Wetterkarte vom 8. um 7 Uhr eine Kaltfront, die von einem kleinen Tief, das um diese Zeit gerade über dem Tessin liegt,
ausgehend, südwärts zwischen Genua und Nizza hindurch, dann westlich von Sardinien vorbei nach Süden verläuft.
Turin meldet 19°, Mailand 23°, Genua 25°. Diese Front setzt sich auf der Alpennordseite fort und zwar hat sie die Schweiz bereits von West nach Ost passiert
(Zürich um 3 Uhr) und die Niederschläge der Alpennordseite (die oben erwähnt wurden) verursacht.

Wie weit die Kaltluft auf der Alpensüdseite ostwärtsvorzustoßen vermochte, läßt sich nicht mehr feststellen.
Vermutlich hat sie am Boden den Tessin ganz überschwemmt. Die nördlichen Winde, die hier aus dem Nordwestsektor herauswehten, sind vermutlich teilweise einem Luvwirbel zuzuschreiben.
Immerhin dürfte die Kaltfront ihren Vorstoß in der Gegend des Tessinflusses stark verlangsamt haben.
Es zeigt sich am Nachmittag über dem Golf von Genua ein neues Tief, das offenbar als Welle an der Kaltfront von Süden heraufgezogen war.
Über Italien wehte den ganzen Tag ein ziemlich starker Süd bis Südost (in der Höhe Südwest), den am Morgen des 8. (7 Uhr)
auch unsere südöstlichen Tessiner Stationen Mezzana, Lugano, Braggio aufweisen (starker Südostwind von 20 bis 23°).

Der vierte der oben erwähnten Starkregen, der in Locarno von 16 bis 22.30 Uhr dauerte und dieser Station 116 mm Niederschlag einbrachte,
ist offenbar der Aufgleitregen dieser Warmluft über der immer noch langsam südostwärts vorstoßenden Kaltluft.
Er hat das auffallende Kerngebiet der Niederschlagsverteilung im Tessintal verursacht.
Seine große Ergiebigkeit war, abgesehen von der Stauwirkung durch die Alpen, bedingt erstens dadurch, daß die Kaltfront in dieser Gegend nur noch langsam vorstieß bzw. zum Stillstand kam,
was die lange Dauer der Niederschläge erklärt, zweitens durch die Verstärkung der Höhenströmung infolge einer von Westen heranrückenden neuen Störung auf der Alpennordseite
und drittens durch den großen Feuchtigkeitsgehalt und die beträchtliche Labilität der warmen Südluft, schließlich durch die Wellenbildung an der Kaltfront.

Bei der soeben genannten neuen Störung handelt es sich um ein Tief, das vom 8. zum 9. ziemlich rasch von der Bretagne nach Belgien (7 Uhr), dann nach Nordwestdeutschland (13 Uhr) wanderte
und dessen Kaltfront die Schweiz am Morgen des 9. passierte.
Dieselbe verursachte auf der Alpennordseite nur lokale Niederschläge, in Locarno den fünften und letzten Starkregen zwischen 4.30 und 6.30 Uhr (26 mm).
Eine Abkühlung war nur in der Höhe festzustellen. Die Niederungen waren am 9. teilweise wegen Einstrahlung wärmer als am 8.
Dem Tief folgte ein starker Druckanstieg. Am 9. war daher der Luftdruck auf der Alpennordseite wieder erheblich höher als am Südfuß der Alpen.
In der Höhe hatte die veränderte Druckverteilung eine Westdrehung des Windes zur Folge.
Quelle: M. Grütter

Messdaten

Übersicht Regenmengen >70mm vom 08.08.1951
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© Kai Kobler >> Link zu interaktiver Karte

Bilder

Überschwemmung in Samedan
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© Comet Photo AG (Zürich)

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Quelle: Oberländer Tagblatt, Band 75, Nummer 186, 11. August 1951

Medienlinks

© MeteoSchweiz ANNALEN der SCHWEIZERISCHEN METEOROLOGISCHEN ZENTRAL-ANSTALT 1951

Interna

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