19590810 01 Gust Mittelland

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Quick Facts

Type of Event Macroburst (MCS)
Verification State QC1
ESWD Not reported
Location Kantone Genf, Waadt, Freiburg, Bern, Luzern, Zug, Solothurn, Jura, Aargau, Zürich, Schaffhausen, Thurgau
Time / Duration 13.30 - 17.00 local time
Date 10.08.1959
Path direction Southwest to Nordeast
Magnitude / Dimension widespread wind gusts of 100 - 140 km/h
Damage uncountable trees downed, uncountable roof damage, blocked streets, broken power poles
Fatalities 6
Injuries uncountable
Report Source Historical reports
Remarks -


Ereignis

Am 10. August 1959 raste ein Orkan von Genf nach Konstanz und darüber hinaus.
Am Morgen dieses Montages hatte sich eine Störungslinie gebildet, die von Algerien bis über den Kanal reichte und die von Gewittern und Sturmwinden begleitet war.
Mit bedeutender Geschwindigkeit stiess sie von Westen nach Osten vor.

Um 13.30 Uhr erreichte der Sturm Genf.
Um 14.00 Uhr tobte er in Lausanne.
Um 14.30 Uhr empfing die Zürcher Stadtpolizei eine erste Sturmwarnung.

Eine Gewitterfront mit Böen von bis zu 85 km/h Stundengeschwindigkeit wurde angekündigt und eine Durchgangszeit zwischen 17 und 18 Uhr vorausgesagt.
Eine Stunde später traf eine zweite Sturmwarnung ein: Die Böen hätten nun eine Geschwindigkeit von 130 km/h erreicht, der Sturm musste schon zwischen 16.30 und 17.30 Uhr erwartet werden...

Und schliesslich brauste die Windsbraut genau 16.00 Uhr über Zürich. Die Erscheinung dauerte nur wenige, aber Schicksalsschwere Minuten.
Die Temperatur sank indessen um 8 bis 12 Grad.
Das Barometer schnellte nach dem Sturm in einer Viertelstunde um mehr als 3 mm empor. 3 mm?!:
Ein winziges, lächerliches Geschehen für den, der am Apparat klopft, aber anderseits der sozusagen verkürzte, mathematisch-physikalische Ausdruck der unerhörten Katastrophe.

Gewöhnlich fing es ganz lustig an: Sonnenschirme und Tischtücher der Trottoircafés in Zürich z. B. nahmen Reissaus. Kellner mit wehenden Rockschössen und flatternden Haaren rannten hinterher.
Fahnen knatterten... und plötzlich zerriss die höchste. Wo der Sturm durchzog, hob er Dächer ab und trug sie weg, wobei sie elektrische Leitungen zerrissen und auf Autos niederdonnerten.

Kraftleitungen wurden unterbrochen. Tram- undTrolleybuswagen standen still, Kräne knickten zusammen.
Die grosse Festhütte des Oberländer Schützenfestes in Interlaken sank wie ein angestochener Ballon zusammen.
Chilbistände in Solothurn und Ölten wurden zusammengelegt wie Liegestühle und ihre Waren davon gewirbelt. Scheiben zerbarsten.
Getreidegarben flogen Hunderte von Metern fort. Überall wurden Bäume entwurzelt.
Auf einem Campingplatz bei Lausanne krachte eine Pappel auf ein Zelt und erschlug eine Frau.
In Rapperswil wurden zwei Kastanienbäume entwurzelt, wobei der eine auf eine Segeljacht fiel und sie zertrümmerte.
Blitze begleiteten das unerhörte Geschehen. Es gab viele Verletzte und einige Tote.

Über die Seen schrien die Sturmfahnen ihr gefahrverkündendes Gelb.
Boote rissen von ihrer Vertäuung los und kenterten. Zwei grosse Kähne gingen in Ouchy unter.
Auf dem Vierwaldstättersee stürzten ein Mann und seine Frau aus ihrem Boot und ertranken, während das Boot kieloben davontrieb.
Ein Segelschiff auf dem Thunersee kippte um und ein doch wohlgeschulter und mit den Tücken der Stürme vertrauter Segelschullehrer erreichte das Ufer nicht mehr.
Zwischen den Inseln Lützelau und Ufenau sank «mit vollen Tüchern» ein Starboot.
Ein Mann ertrank im Zürichsee, eine Frau im Greifensee...
Doch auf dem Brienzersee schritt eine Wasserhose von 25 m Höhe seeaufwärts, ein einzigartiges Schauspiel.

Auch in Süddeutschland säumten geknickte Bäume, abgerissene Dächer, zerfetzte Fahnen den trotz allem Elend doch grossartigen und festlichen Weg des Sturmes.
Von allen diesen Ereignissen erfuhren wir erst später. Während der verhängnisvollen Minuten vor 16 Uhr sass ich am Arbeitstisch.
Plötzlich brach 15 m von meinem Fenster entfernt die Krone eines Zwetschgenbaumes ab. Ich begriff nicht, was da geschehen war, wollte hinaus...
und rannte augenblicklich wieder hinein, um die klirrenden Fenster und klappernden Läden zu schliessen.
Die dürren Äste eines nahen Nussbaumes wurden gleichsam ausgekämmt und damit eine Astreinigung, die sonst Jahre gebraucht hätte, in ein paar Sekunden durchgeführt.
Die Leitungsdrähte begannen zu zittern und zu wippen, immer heftiger und heftiger, bis sie da und dort aufeinanderschlugen und Kurzschlüsse grünlich aufblitzten.
Unser Holzhaus seufzte und ächzte unwillig, aber tapfer... Ein kurzes Donnergrollen, gefolgt von einem grimmigen, aber ebenfalls kurzen Regenguss...
Und die Erscheinung war wie Wotans wilde Jagd vorbei.

Ich schritt in die kaum mehr von einem Windchen bewegte Natur und hatte den Eindruck, dass sie jetzt lüge.
Diese Ruhe konnte nicht ihre Wahrheit sein, wenn der Sturm ihre Wahrheit war. Ich erkannte beim Zwetschgenbaum, dass er, der gesund geschienen hatte, hohl und von Pilzfäden durchwuchert war...

Besondere Beanspruchungen bringen viel an den Tag. In den Wäldern um Aarau waren die Schäden gewaltig; denn die Bäume wurden nicht einfach niedergeschmettert, sondern auch zersplittert und durch Verdrehung zerrissen.
Bei Lenzburg lagen 800 Festmeter auf dem Boden, 500 Festmeter allein im Länzert.
Die sorgfältigen Hiebpläne der Förster wurden, wie leider in den letzten Jahren ziemlich oft, über den Haufen geworfen.
Der Waldboden war von abgerissenen Ästen und vor allem von Laub bedeckt. Fichtenwipfel lagen wie geschändete Weihnachtsbäumchen umher.
Das massenhafte Laub aber verdorrte oder verfaulte vorerst gar nicht, sondern wurde im wechselnd warmen und nassen Wetter vergoren, wie Tabak- und Teeblätter im Schatten vergoren werden.
Hinter der Echolinde ganz besonders roch der Wald kräftig nach Tee, sozusagen nach Buchenblättertee.
Bei der Heimwehfluh lockten die den Boden dicht und fusshoch bedeckenden Blätter Legionen von Nachtschnecken heran, deren Gelb- bis Terra-sigillata-Rot seltsam den Waldgrund sprenkelte.

Quelle: Aarauer Neujahrsblätter Band (Jahr): 41 (1967) Tschopp, Charles - Wetterkatastrophen in Aarau


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Quelle: Feuilles d'avis de Neuchatel, mardi 11. août 1959

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Quelle: Die Tat, 12. August 1959

Schäden

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Quelle: Die Tat, 12. August 1959

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Quelle: Oberländer Tagblatt, Band 83, Nummer 186, 12. August 1959

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Quelle: Walliser Nachrichten, 11. August 1959

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Quelle: Oberländer Tagblatt, Band 83, Nummer 185, 11. August 1959

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Quelle: Oberländer Tagblatt, Band 83, Nummer 185, 11. August 1959

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Quelle: Bote vom Untersee und Rhein, 11. August 1959

Bilder

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Quelle: Die Tat, 13. August 1959

Medienlinks

© MeteoSchweiz ANNALEN der SCHWEIZERISCHEN METEOROLOGISCHEN ZENTRAL-ANSTALT 1959

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