Tornado vom 26.06.2020 in Hohenrain (LU)

Eine erste Auswertung der Schäden vor Ort durch Mitglieder der Tornado Taskforce Schweiz (kurz TTS) hat ergeben, dass der Tornado von Hohenrain eine knapp 2 km lange von NW nach SO gerichtete Schneise zog und dabei Sachschäden verursachte, welche mindestens der Stärke F1 nach Fujita zuzuordnen sind. Es grenzt an ein Wunder, dass nach weder Mensch noch Tier zu Schaden kam. Eine detaillierte Dokumentation und Schadensanalyse folgen hier in den kommenden Tagen. In diesem Zusammenhang nehmen wir weiterhin gerne Informationen und Bildmaterial aus der Bevölkerung über unsere Kontaktadresse Sturmarchiv email.png entgegen.

Unwetterforschung Schweiz

Aus Schweizer Sturmarchiv
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Einführung

Auf dieser Seite befassen wir uns mit der Klimatologie von Unwetterereignissen in der Schweiz. Hier finden Sie nebst Erkenntnissen, welche vom Sturmarchiv Schweiz in Zusammenhang mit Auswertungen eigener Daten selbst gewonnen wurden, auch diverse Studien, Matur-, Diplom- und Dissertationsarbeiten sowie Informationen zu Projekten oder Datenbanken ähnlicher Thematik.

Ein zentraler Forschungsgegenstand bilden die orographischen und klimatischen Besonderheiten der Schweiz, welche zur Begünstigung oder Entschärfung extremer Wetterereignisse beitragen.

Aufgrund der Tatsache, dass der Föhn eine spezifische Eigenheit des Schweizer Klimas darstellt, ist ihm ein eigenes Unterkapitel gewidment.

Tornados in der Schweiz

Wichtiger Hinweis
Die folgenden Erkenntnisse über Tornados in der Schweiz sind urheberrechtlich geschützt. Deren kommerzielle oder redaktionelle Nutzung bedarf unserer ausdrücklichen Genehmigung und kann kostenpflichtig sein. Die Nutzung für private, schulische oder wissenschaftliche Zwecke ist unter Angabe der Quelle ("Quelle: Sturmarchiv Schweiz / www.sturmarchiv.ch") ohne Kontaktaufnahme erlaubt.


Klimatologische Aussagen über Tornadoereignisse in der Schweiz sind grundsätzlich mit Vorsicht zu geniessen. Der Grund dafür liegt in einer lückenhaften Statistik und vor allem in der Tatsache, dass solche Ereignisse selten sind. Schwächere Ereignisse (ohne nennenswerte Schäden) wurden in früheren Jahrhunderten entweder nicht veröffentlicht oder gar nicht erst bemerkt. Die nationale Forschung auf dem Gebiet der Tornados und die systematische Erfassung gegenwärtiger und vergangener Ereignisse im Sturmarchiv Schweiz hat sich erst in den späten Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Dennoch konnten bereits erste Erkenntnisse in Bezug auf die Tornado-Charakteristik in der Schweiz gewonnen werden.

Häufigkeit/Stärke
In der Schweiz werden pro Jahr durchschnittlich eine Handvoll bis ein Dutzend Tornados (meist in Form von Wasserhosen) beobachtet respektive gemeldet. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer dieses kleinräumigen Wetterphänomens nicht zuletzt aufgrund unserer Topographie relativ hoch ist. Wasserhosen zum Beispiel bleiben aufgrund ihrer Kurzlebigkeit und dem Fehlen von sichtbaren Spuren manchmal unbemerkt. Dasselbe gilt für schwache Tornados im hügeligen bis gebirgigen Gelände. Wie überall auf der Erde ist die überwiegende Zahl der beobachteten Land-Tornados in der Schweiz von schwacher Natur (F0/F1). Starke (F2/F3) oder gar verheerende (F4/F5) Tornados sind hierzulande aufgrund des ohnehin niedrigen Tornadovorkommens und wegen der kleinen Fläche der Schweiz sehr respektive äusserst seltene Ereignisse. Aufgrund bisheriger Erkenntnisse muss etwa alle zehn Jahre mit einem starken und alle 50 bis 100 Jahre mit einem verheerenden Tornadoereignis gerechnet werden. Im Moment (Stand: Januar 2013) ist ein Ereignis der Intensität >= F3 überfällig. Der letzte verheerende Tornado in der Schweiz hatte die Stärke F4 und wütete am 26. August 1971 im Vallée de Joux. Interessant: Er war ähnlich katastrophal und hatte fast die identische Zugbahn wie derjenige vom 19. August 1890.

Verteilung/Vorkommen
Die beiden grossen Seen Genfersee und Bodensee sind besonders im Spätsommer bei Kaltlufteinbrüchen "anfällig" für Wasserhosen. Besonders begünstigt ist beim Genfersee der gesamte Obersee und beim Bodensee der südöstliche Bereich des Obersees, dann nämlich, wenn sich eine einzelne "Lake Effekt" induzierte Schauerzelle etablieren kann und in der Folge über längere Zeit stationär bleibt. Aber auch auf kleineren Seen wurden schon Grosstromben beobachtet, namentlich auf dem Neuenburgersee, dem Bielersee, dem Murtensee, dem Zürichsee, dem Pfäffikersee, dem Greifensee, dem Zugersee, dem Ägerisee und dem Vierwaldstättersee. Abgesehen von eben diesen Tromben über Wasser besteht eine im Vergleich zum Rest des Landes erhöhte Tornadogefahr entlang des westlichen Jurabogens sowie entlang der nördlichen Voralpen. Ursächlich hierfür dürften unter anderem durch die Topographie hervorgerufene Modifikationen des Windfeldes sein, welche auf die Entstehung von Superzellen zum Einen (Stichworte Low Level Jet, Inflowkanalisierung, Helizität) und auf die Produktion von Tornados zum Anderen (Stichworte niedrige Wolkenuntergrenze, Windscherung, Feuchtestau) begünstigend wirken.

Übersicht über die letzten bekannten Tornados nach Fujita Stärke
Wie folgt eine stets aktuell gehaltene Übersicht über die jüngsten Tornado-Ereignisse* der jeweiligen (geschätzten) Fujita Stärke (ohne F0):

Stärke Letztes Ereignis
F5 bislang nicht dokumentiert
F4 26.08.1971: Vallée de Joux (VD)
F3 12.06.1926: La Chaux-de-Fonds (NE)
F2 17.08.2004: Villargiroud (FR)
F1 26.06.2020: Oberebersol, Hohenrain (LU)


Tornado- und Funnelcloudstatistik

Die folgende Tabelle zeigt eine Übersicht über die vom Sturmarchiv Schweiz erfasste Anzahl von Tornados und Funnelclouds in der Schweiz ab dem Jahr 2000 (inkl. gesamter Genfer- und Bodensee). Zahlen, welche nicht in Klammern gesetzt sind, repräsentieren Ereignisse mit QC-Status QC1 (bestätigt/verifiziert). Zahlen in Klammern repräsentieren Ereignisse mit QC-Status QC0+ (plausibel). Ungeprüfte oder wenig plausible Verdachtsfälle werden in dieser Statistik nicht erfasst.

Ein Tornado ist in der Regel, aber nicht zwingend von einer sichtbaren Funnelcloud begleitet. Funnelclouds werden im Sturmarchiv Schweiz statistisch nur dann erhoben, wenn davon ausgegangen werden muss oder sicher ist, dass Bodenkontakt nicht stattgefunden hat. Daraus folgt, dass eine gesicherte Funnelcloud mit gleichzeitigem plausiblen Verdacht auf Bodenkontakt als Tornadoverdachtsfall behandelt und entsprechend statistisch erhoben wird.

Jahr Tornados über Land Wasserhosen Tornados gesamt Funnelclouds Highlights / Bemerkungen
Ø
2004
-
2019
0.69 (0.94) 2.5 (0.44) 3.19 (1.38) 3.56 (2.13) Funnelcloud- und Tornadoereignisse sind in der Schweiz nach wie vor selten, wobei deren Zahl von Jahr zu Jahr sehr variabel sein kann. Durchschnittswerte sind daher nur bedingt aussagekräftig.
2020 1 (0) 7 (1) 8 (1) 0 (1)
  • F1 Tornado am 26. Juni 2020 in Hohenrain (LU)
  • Wasserhosen-Outbreak am 3. August 2020 (mindestens 6 Wasserhosen plus 1 Funnelcloud auf dem Zürichsee, Zugersee, Ägerisee und dem Bodensee)
2019 1 (0) 2 (0) 3 (0) 4 (0)
  • F0 Tornado am 12. Juli 2019 in Wil (SG)
  • Grosse Wasserhose am 28. Juli 2019 über dem Bodensee
  • Wasserhose am 20. August 2019 über dem Zürichsee
2018 1 (0) 6 (0) 7 (0) 8 (5)
  • F0 Tornado am 15. Mai 2018 in Wittenbach (SG)
  • Wasserhosen-Outbreak am 26. August 2018 (neben den Wasserhosen über dem Bodensee wurde je eine über dem Zürichsee und dem Zugersee gesichtet)
  • Die Wasserhosen und Funnelclouds vom 26. August 2018 über dem Bodensee sind noch nicht mitgerechnet
2017 0 (0) 2 (0) 2 (0) 0 (0)
  • Die Funnelcloud vom 8. Juli 2017 bei Unterkulm (AG) ist noch nicht mitgerechnet
  • Die Wasserhosen und Funnelclouds vom 3. sowie 20. September 2017 über dem Bodensee sind noch nicht mitgerechnet
2016 0 (0) 1 (0) 1 (0) 3 (0)
  • Zahlreiche Wasserhosen und Funnelclouds sind noch nicht mitgerechnet
  • Wasserhose am 6. August 2016 über dem Zürichsee
2015 1 (0) 2 (0) 3 (0) 4 (2)
  • F0 Tornado am 7. Juni 2015 bei Brot-Plamboz (NE): erster Tornado in der Schweiz, dessen Bodenkontakt bildlich festgehalten werden konnte!
  • Spektakuläre Wasserhose am 5. September 2015 über dem Zürichsee
2014 0 (1) 1 (0) 1 (1) 10 (3)
2013 1 (1) 5 (3) 6 (4) 25 (8)
  • F1 Tornado am 2. Mai 2013 bei Innereriz (BE)
2012 1 (2) 9 (1) 10 (3) 3 (16)
  • F1 Tornado am 15. Juli 2012 bei Oberkirch (LU)
  • Spektakuläre Wasserhose am 21. Juli 2012 über dem Zürichsee
  • Wasserhosen auch über dem Neuenburgersee und Zugersee (12./13.09.2012)
  • Die Funnelclouds vom 13. September 2012 über dem Bodensee sind noch nicht mitgerechnet
2011 1 (0) 0 (1) 1 (1) 0 (0)
2010 0 (1) 1 (0) 1 (1) 0 (0)
2009 0 (1) 1 (0) 1 (1) 0 (0)
2008 0 (3) 1 (0) 1 (3) 0 (0)
2007 0 (2) 3 (0) 3 (2) 0 (0)
2006 1 (4) 2 (1) 3 (5) 0 (0)
  • Die Wasserhosen vom 4. August 2006 über dem Bodensee sind noch nicht mitgerechnet
2005 2 (0) 3 (1) 5 (1) 0 (0)
2004 2 (0) 1 (0) 3 (0) 0 (0)


Aktuelle und vergangene Forschungsprojekte

Links zu aktuellen Projekten

Meteoschweiz
Institute for Athmospheric and Climate Science an der ETH Zürich (IACETH)
Swiss Climate Research (NCCR)

Vergangene Projekte

Convective and Orographically-induced Precipitation Study (COPS) (2007)
Weltgrößte Messkampagne für Niederschlagsvorhersagen (Einsatzgebiet: Schwarzwald), Teil des UN- Weltwetterforschungs- Programms
Offizielle COPS Homepage
COPS Homepage der Uni Hohenheim

The Laseyer Rotor - strong wind gusts in a narrow alpine valley
Institute for Atmospheric and Climate Science

The Mesoscale Alpine Program (MAP) (1999)
MAP Homepage der Meteoschweiz
MAP Homepage des Institute for Athmospheric and Climate Science an der ETH Zürich (IACETH)

SETEX (1994)
SEvere Thunderstorm EXperiment

CLEOPATRA (1992)
Meteorologisches Feldexperiment unter der Schirmherrschaft des DLR zur Untersuchung der Entstehung von Wolken und Niederschlag am Alpenrand
The Evolution of Severe Convective Storms on July 21, 1992 in Central Europe - A Comprehensive Dataset for Mesoscale Research

Grossversuch IV (1976-1983)
Hagelabwehrexperiment im Napfgebiet

Forschungsarbeiten und Fallstudien

(M. Stoll, 2011)

(M. Stoll, G. Kaufmann, A. Hostettler, 2011)

(N. Hilker, A. Badoux, C. Hegg, 2009)

(M. Graf, 2008)

(A. M. Hering, U. Germann, M. Boscacci and S. Sénési, 2006)

(R. M. Hohl, 2005)

(A. M. Hering, S. Sénési, P. Ambrosetti and I. Bernard-Bouissières, 2005)

(A. M. Hering, C. Morel, G. Galli, S. Sénési, P. Ambrosetti and M. Boscacci, 2004)

(Diplomarbeit von P. Gyarmati, 2004)

(Diplomarbeit von R. Knöpfel, 2004)

(N. Dotzek, 2003)

(Organe consultatif sur les changements climatiques, 2003)

(S. Medina and R.A. Houze, Jr., 2003)

(Doktorarbeit von R.M. Hohl, 2001)

  • The Alps - A generator of tornadoes?

(W. Schmid, H.-H. Schiesser and A. Walker, 2000)

- Abstract
- Presentation

(Ch. Frei and Ch. Schär, 2000)

(W. Schmid, H.-H. Schiesser, M. Furger and M. Jenni, 1999)

(C. James, S. Brodzik, H. Edmon, R.A. Houze, Jr. and S.E. Yuter, 1999)

(W. Schmid, W. Linder and H.-H. Schiesser, 1999)

(H.-H. Schiesser, R. Hohl und W. Schmid, 1999)

(W. Schmid, H.-H. Schiesser, S. Willemse and A. Waldvogel, 1997)

(S.P. Haase-Straub, M. Hagen, T. Hauf , D. Heimann, M. Peristeri and R.K. Smith, 1997)

(W. Schmid, H.-H. Schiesser and B. Bauer-Messmer, 1997)

(H.-H. Schiesser, W. Schmid, R.A. Houze, Jr. and B. Bauer, 1996)

(H. Huntrieser, H.-H. Schiesser, W. Schmid and A. Waldvogel, 1996)

(H. -H. Schiesser, R.A. Houze, Jr. and H. Huntrieser, 1995)

(L. Li, W. Schmid and J. Joss, 1994)

(R.A. Houze, Jr., W. Schmid, R.G. Fovell and H.-H. Schiesser, 1993)

(H.-H. Schiesser, R.A. Houze, Jr. and A. Waldvogel, 1992)

(W. Schmid, H.-H. Schiesser and A. Waldvogel, 1992)

(G. Röthlisberger, 1991)

(H.-H. Schiesser and R.A. Houze, Jr., 1991)

(J. Bader, W.A. Stahel and W. Schmid, 1991)

(W. Schmid, H.-H. Schiesser, R.A. Houze, Jr. and R.G. Fovell, 1990)

(A.S. Dennis, P.L. Smith and J.R. Miller, Jr., 1990)

(J.-F. Mezeix, 1989)

(P.L. Smith and A. Waldvogel, 1988)

(A. Waldvogel, H.-H. Schiesser, W. Schmid and J.F. Mezeix, 1987)

(J. Dessens, 1987)

(A. Waldvogel, L. Klein, D.J. Musil and P.L. Smith, 1986)

(W. Schmid and A. Waldvogel, 1985)

(H.-H. Schiesser, B. Federer, A. Waldvogel, W. Schmid, F. Hampel, M. Schweingruber, W. Stahel, J. Bader, J.F. Mezeix, N. Doras, G. D'Aubigny, G. DerMegreditchian and D. Vento, 1985)

(A. Waldvogel, B. Federer and W. Schmid, 1978)

(A. Piaget, 1976)

(H. Frey, 1926)

  • Le cyclone orageux du 12 juin 1926 - Annalen der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt 1926, Anhang Nr. 3 (online nicht verfügbar => Bestellung via Meteoschweiz)

(J.L. Herzog and Ch. Golaz, 1926)

Weitere Arbeiten, Analysen, Positionspapiere, Faktenblätter und Publikationen

Interessante Diskussionen im Schweizer Sturmforum

[Liste letztmals aktualisiert am 02.04.2014]

Statistik / Klima

(Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern)

(Bernhard Oker, meteoradar)

(Bernhard Oker, meteoradar)

(Bernhard Oker)

(Schweizerische Hagel-Versicherungs-Gesellschaft)

(Schweizer Hagel)

(Schweizer Hagel)

(Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung)

(PLANAT)

(aus dem Schlussbericht NFP 31: "Klimatologie der Stürme und Sturmsysteme anhand von Radar- und Schadendaten")

Der Föhn - eine Eigenheit des Schweizer Klimas